Prolog

Warum eigentlich genug Geld für alle da ist.

Prolog

 

 

Die Ökonomik, also die Lehre von der Wirtschaft, hat eine Doppelfunktion: Auf der einen Seite erklärt sie wirtschaftliche Vorgänge, auf der anderen Seite erteilt sie Ratschläge. Sie ist sowohl beschreibend als auch empfehlend, sowohl deskriptiv als auch normativ: Eine schöne Theorie, die Sie da aufgestellt haben, Herr Ökonom, aber was machen wir jetzt? Wie retten wir die Arbeitsplätze, unsere Ersparnisse, die Biosphäre?

 

Damit unterscheidet sich die Ökonomik von anderen Wissenschaften. Physik und Biologie zum Beispiel untersuchen die Natur und das Lebendige, und wir wenden ihre Erkenntnisse in der Landwirtschaft, beim Bau von Motoren oder bei der Planung von Kraftwerken an. Aber die Gültigkeit ihrer Gesetze ist unbeeinflusst von unseren Theorien, denn wir Menschen untersuchen damit primär nicht uns selbst, sondern etwas von uns Unabhängiges. Den geworfenen Stein interessiert es nicht, ob wir die Gesetze der Gravitation kennen, und die Bäume wachsen, egal ob wir wissen warum.

 

Die Ökonomik dagegen fußt auf der Empfehlung. Sie hat sich aus der Ethik der antiken Philosophen entwickelt, die sich fragten, wie Armut und Reichtum entstehen und was zu tun ist. Seit der biblische Josef dem Pharao sieben fette und sieben dürre Jahre prophezeite und ihn anwies, Steuern zu erheben und Kornkammern anzulegen, haben alle Wirtschaftsdenker von Aristoteles bis Adam Smith eines gemein: Sie erzählen eine Geschichte über die Wirtschaft, die erklärt, was arm und reich ist, und begründen daraus, was vernünftiges, wirtschaftliches, gutes Handeln ist. Aus Narrativ und Analyse bilden sie die Empfehlung, und nach ihrem Rat formen wir Handeln, Institutionen, Politik.

 

Wenn Sie Ökonomik an einer Universität studieren, lernen Sie auch eine Geschichte, die ungefähr so lautet: Früher handelten die Leute nur durch Tausch, was sehr unpraktisch war – also erfanden sie Geld. Dadurch entstanden Märkte sowie Arbeitsteilung, Spezialisierung und Maschinen, womit sich Güter effizienter produzieren ließen und uns reich und mächtig machten. Die Märkte garantieren, dass jeder, der zum Wohlstand beiträgt, Geld verdient. Diese Mechanik ist berechenbar, und die Modelle prognostizieren, dass die Wirtschaft weiter wachsen wird, solange wir neue Techniken erfinden, um neue Güter zu produzieren. Diese bringen immer mehr Reichtum, bis irgendwann das »ökonomische Problem« gelöst sein wird und wir nicht mehr arbeiten müssen. Zwar gibt es einige Märkte, die nicht perfekt sind, aber für deren Feinjustierung existieren ja die Werkzeuge der Ökonomik.

 

Ich möchte nicht behaupten, dass diese Story falsch ist – so einfach ist das nicht. Aber sie ist deskriptiv und normativ zugleich: Wir beschreiben uns damit selbst und handeln nach ihr. Ökonomik ist zirkulär: Sie verändert die Welt, die sie beschreibt, mit jedem Ratschlag, den sie erteilt. Sie erzählt eine Geschichte über uns und die Welt, über Arm und Reich, handelt danach und macht sie dadurch wahr.

 

In diesem Buch möchte ich dieser Geschichte, der Erfolgsstory der Märkte, die wir alle kennen, eine andere gegenüberstellen. Ihre Hauptrolle spielt das Geld, ein besonderes Artefakt, das halb Ding, halb Gedanke ist. Als abstraktes, ausgedachtes Objekt hat es unsere Mathematik, Physik und Philosophie inspiriert, hat unser Handeln und Denken revolutioniert wie kaum eine andere Erfindung. Wir haben begonnen, seine Zahlen auf uns selbst anzuwenden, Wirtschaft zu messen und zu modellieren wie eine große Maschine, die alle reich machen soll. Das Ergebnis ist die oben kurz skizzierte Geschichte der Mainstream-Ökonomik. Davon handelt der erste Teil dieses Buchs.

 

Der zweite Teil beschreibt, wie die Mechanik des Geldes, unterstützt von einer moralisch aufgeladenen Wirtschaftstheorie, die Welt des Wirtschaftens einer großen Maschine angeglichen hat. Auf der Suche nach dem versprochenen Wohlstand lassen wir die Zahlen wachsen und übergeben wachsende Teile der Welt den Mechanismen der Märkte. Dadurch lässt die Geldphilosophie ihre eigenen Annahmen wahr werden und animiert uns, uns selbst zu Teilen einer großen Maschine umzuformen. Diese Geschichte ist eine Tragödie, denn das Geld betrügt uns, weil es nicht nur den versprochenen Reichtum bringt, sondern auch die Welt mit seinen mechanischen Eigenschaften Homogenität, Anonymität, Austauschbarkeit und Knappheit überzieht und dadurch ungeahnte neue Formen der Armut produziert.

 

Der dritte Teil schließlich fragt nach Alternativen. Ich suche nach passenderen Bildern, um über Ökonomie nachzudenken, und überlege, wie man Wirtschaft, Geld und Menschen nicht als mechanisch, sondern als lebendig begreifen kann. Ich finde dort unverhofften Optimis- mus und skizziere Handlungsempfehlungen, die sich daraus ergeben.

 

Dieses Buch schlägt einen großen Bogen, daher bedarf es einiger erklärender Worte. Wissen unterliegt gewöhnlich der Arbeitsteilung: Wir fragmentieren das, was man wissen kann, in immer kleinere Teile, auf die sich Experten spezialisieren. Dieses Vorgehen ist durchaus nützlich, denn wenn Forscher das Große und Ganze als gegeben hinnehmen, können sie dafür umso tiefer nach Details graben. Die Methode stößt aber an ihre Grenzen, wenn das Programm selbst infrage steht: Dann muss man zurücktreten, einen Überblick gewinnen, das alte Vorgehen umdrehen und die Details zu einer neuen Geschichte verweben.

Dazu will dieses Buch beitragen, und daher berührt es zahlreiche Bereiche und Fachgebiete, in denen ich selbst keine Expertise vorweisen kann, sondern nur die Einsichten anderer referiere. Folglich ist es unvermeidlich, dass ich zuweilen ein Puzzleteil in den Händen halte, das ich nicht im selben Maß würdigen kann wie manche meiner Leser.

Wenn Sie also der Meinung sind, dass ich etwas falsch verstanden, eine wichtige Quelle übersehen oder ein Argument vernachlässigt habe, dann haben Sie bitte Nachsicht mit mir. Wenn Sie möchten, schreiben Sie mir! Das können Sie natürlich gerne auch dann tun, wenn dieses Buch bei Ihnen Zustimmung hervorruft. Ich werde vielleicht nicht jeden Brief beantworten, aber gewiss jeden Hinweis dankbar lesen und bedenken.

 

 

 

Alle Philosophie ist Autobiografie, weil die Suche nach Antworten auf persönliche Fragen zu ihr führt. Ich bin an die Universität und zur Ökonomik gegangen, weil mich einige wirtschaftliche Fragen bewegten, die hauptsächlich normativer und pathologischer Natur waren: Warum gibt es so viel Armut neben so viel Reichtum? Warum haben wir kollektiv nie genug Geld für Krankenhäuser, Universitäten, Armutsbekämpfung und andere sinnvolle Dinge? Warum zerstören wir Wälder und rotten Tiere aus, obwohl wir beteuern, dies nicht zu wollen? Warum wird uns allen die Zeit immer knapper? Warum werden wir ständig nach Karriereplänen gefragt? Warum kaufen wir so viele billige Dinge, die schnell kaputtgehen? Warum verschwenden wir gleichzeitig so viel Öl und Plastik? Warum defnieren sich so viele Menschen über ihre Autos oder Mobiltelefone? Warum sind der Politik Bruttoinlandspro- dukt und Wachstum so wichtig? Warum wirken viele Menschen, als hätten sie ständig Ängste? Überhaupt: Läuft hier nicht irgendwas schief mit der Wirtschaft? Wie kann man die Probleme beheben? Was habe ich damit zu tun? Was kann ich zur Lösung all dieser Fragen beitragen? Wie lebe ich vernünftig in dieser Zeit der Veränderungen? Und was hat Geld mit alldem zu tun?

 

Ich ging also an die Wirtschaftsfakultät, um Antworten zu hören. Ich lernte dort Gleichungen (sehr viele Gleichungen!), um Reichtum zu berechnen und zu optimieren, und stieß immer wieder auf die Geschichte von Reichtum, Wohlstand und Fortschritt: Wächst die Wirt- schaft, wächst der Wohlstand, schwinden die Probleme, und alles wird gut.

Ich war überrascht, denn einen so unbeirrbaren Optimismus hatte ich nicht erwartet. Optimisten gefallen mir eigentlich – ich würde mich selbst als einen bezeichnen. Aber diese Geschichte überzeugte mich nicht so recht: Nicht nur, dass sie viele Probleme, die mir so dringend erschienen, ausklammerte, sondern ihre Antwort – mehr vom Gleichen – schien mir ziemlich naiv.

 

Ich stellte also weiter Fragen. Ich wollte historische Studien sehen über den Ursprung von Geld, Schuld und Zins, wollte philosophische Diskussionen darüber führen, worin dieser Reichtum besteht und was er mit Geld zu tun hat. Ich wollte anthropologische, soziologische, psychologische Argumente für das ökonomische Menschenbild hören, wollte eine methodologische Begründung für die ganze Rechnerei. Aber viele Dozenten verdrehten die Augen: All das war eigentlich nicht Thema der Kurse, blieb Randbemerkung in den Lehrbüchern. Stattdessen lernte ich immer neue Methoden, Gleichungen zu manipulieren, abgerufen im Ankreuztest. Statt Empirie, einer In-Bezug-Setzung der von mir und anderen wahrgenommenen Welt, lernte ich nur Statistik, statt Geschichten nur Differentialgleichungen, statt Ethik nur Buchhaltung, Management und Marketing. Wenn ich eine Frage stellte, bekam ich Theoreme, Rechnungen und Formeln zur Antwort.

 

Bald war ich frustriert. Meine Fragen blieben nicht nur unbeantwortet, sondern augenscheinlich nahm sie auch niemand als den Wirtschaftswissenschaften zugehörig wahr. Irgendwann dämmerte mir, dass die Theorien der Lehrbücher nicht die Antwort, sondern Teil des Problems sein mussten. Ich legte also die Lehrbücher beiseite und begab mich auf eine Suche, die mich durch die akademischen Fächer mäandern ließ, stets darum bemüht, ökonomische Vorurteile zu prüfen. Zu meinem Erstaunen stellte ich fest, dass ausgerechnet die Wissenschaft des Wohlstands davon ausgeht, dass Geld, Güter und das Gute knapp sind, dass Welt und Mensch mangelhaft und ungenügend sind – weshalb sie verbessert, kultiviert und kontrolliert werden müssen.

 

Mir kam ein Verdacht. Könnte es sein, dass ausgerechnet die Ökonomik, die so angestrengt der unbestechlichen, harten Physik gleichen möchte, ein Tempel der Mythen, des Glaubens und der magischen Prophezeiungen ist, in dem unsere Angst vor Armut und unsere Hoffnung auf Überfluss ein Eigenleben entwickeln? Ich suchte weiter und begann zu ahnen, dass diese Suche mein Weltbild kopfstehen lassen würde. Zum Anlass des vorläufigen Endes meiner Universitätszeit habe ich deswegen das Buch geschrieben, das ich zu deren Beginn gerne gelesen hätte.

 

Stefan Mekiffer, 2014