Einleitung

 

Stefan Mekiffer, 2014

 

 

Der erste Wirtschaftsprognosecomputer entstand lange vor dem PC. Es war der Moniac, ein Akronym für »Monetary National Income Analogue Computer« –– eine komplett analoge hydraulische Maschine des neusee- ländischen Ökonomen und Ingenieurs Alban Phillips (1) aus den späten vierziger Jahren, die Wirtschaftsentwicklungen vorhersagen sollte. Mit Wasser und Mechanik simuliert der Moniac den der klassischen wie der zeitgenössischen Wirtschaftstheorie zugrunde liegenden »Circular Flow of Income«, den Wirtschaftskreislauf.

 

Dieser hydraulische Kreislauf ist das in Mechanik Metall gewordene Bild der Wirtschaft, welches das Denken von Ökonomen, Beratern, Aufsichtsräten, Professoren, Ministern, Bankiers und Politikern seit dem vergangenen Jahrhundert gestaltet. Der Moniac pumpt Wasser herauf, leitet es durch Kanäle mit verstellbaren Öffnungen hinunter und wieder herauf und imitiert so den Wirtschaftskreislauf, wie er auf der ersten Seite eines jeden Lehrbuchs gelehrt wird: Die Haushalte erhalten durch ihre Arbeit und für ihre Investitionen Geld, bezahlen durch ihre Steuern die Regierungsausgaben, sparen und investieren einen anderen Teil und konsumieren den Rest. Regierungsausgaben, Investitionen und Konsum speisen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Diese ruft das Angebot auf den Plan:

Die Firmen produzieren Güter, um die Nachfrage zu erfüllen, von ihrem Einkommen bezahlen sie die Angestellten, und die Gewinne fließen an die Investoren. So fließt das Geld wieder zu den Haushalten –– und der Kreislauf beginnt von Neuem. In seiner ewigen Kreislaufbewegung gibt damit der Moniac dem Lauf des Geldes durch Wasser Gestalt. (2)

 

 

 

 

Die Geschichte der Großen Maschine –

Eine Biographie

Warum eigentlich genug Geld für alle da ist.

 

(nach Reserve Bank Neuseeland, 2014)

 

 

Der Moniac wurde seinerzeit von Regierungen, Universitäten, Banken und Unternehmen benutzt, um vorherzusagen, wie die Wirtschaft auf Veränderungen der zentralen Knöpfe und Regler wie variable Zinssätze, Steuereinnahmen, Sparquoten und Regierungsausgaben reagiert. Er hilft zum Beispiel die Frage zu beantworten, wie hoch man die Steuern, Zinsen und Staatsbudgets anheben kann, ohne den Kreislauf zum Erlahmen zu bringen. Und obwohl der Moniac inzwischen im Museum steht, liefert das hydraulische Kreislaufmodell, das er verkörpert, noch immer die Grundlage für die Standardtheorie wie das AS-AD-Modell (3), das man in jedem Lehrbuch der Makroökonomik findet und das, wie einer meiner Professoren einmal meinte, bei jedem Ökonomen im Hinterkopf läuft.

 

Weiter mathematisch dynamisiert und durch Stochastik (4) verfeinert liefert der Moniac die Basis für die volkswirtschaftlichen Modelle und Prognosen, welche die Auswirkungen von Politik evaluieren, die Zukunft für Firmen, Regierungen und Zentralbanken berechnen und somit die Entscheidungsgrundlage für diese Institutionen bilden. Er ist das tief in den modernen Wirtschaftswissenschaften verankerte Fundament: die sich im Kreis drehende Maschine, die mathematisch berechnet, ingenieurtechnisch kontrolliert und deren Output optimiert werden kann. Er ist die zentrale Metapher, auf der wirtschaftswissenschaftliches Denken fußt –– selbst das ökonomische Denken von Wirtschaftslaien und Öffentlichkeit ist von dieser Mechanik geprägt: Wir sprechen vom »Ankurbeln« und »Anheizen« oder »Drosseln«, vom »Bremsen« und »Abwürgen« der Konjunktur, ganz wie von einem Motor.

 

Die Wirtschaft als Maschine. Auf den allerersten Blick mag dieser Vergleich einleuchtend sein: Schließlich produziert die Wirtschaft die vielen Dinge, die wir kaufen, und ist unser individueller Zugang zu den vielen großen Maschinen. Außerdem handelt Wirtschaft von Geldern, Werten, Mengen, Zahlen –– da ist es doch sinnvoll, so mathematisch wie ein Ingenieur zu denken, oder? (5)

 

Aber beim näheren Hinsehen erscheint die Gleichsetzung der Wirtschaft mit einer Maschine seltsam: Die Wirtschaft ist ein Aspekt der Gesellschaft und damit der Menschen. Doch wir Menschen sind keine leblosen Zahnräder, die nur von äußeren Kräften bestimmt werden, sondern selbstbewusste Akteure, die eigenständig handeln und damit die Wirtschaft antreiben. Ebenso wachsen und entwickeln sich Wirtschaft und Gesellschaft, während eine Maschine nur einmal geplant und gebaut wird, dann aber nur noch gewartet, repariert und schließlich verschrottet werden kann. Maschinen lassen sich vorhersehbar berechnen und kontrollieren, während Wirtschaft, Gesellschaft und Lebewesen sich zwar beeinflussen lassen, aber letztlich unvorhersehbar und unkontrollierbar bleiben. Gerade die mechanischen, mathematischen Modelle der klassischen Wirtschaftstheorie scheitern ver- lässlich daran, Krisen zu prognostizieren. (6)

 

Um es auf den Punkt zu bringen: Menschen und Gesellschaft leben, treiben sich selber an. Zahnräder und Motoren sind leblos und unbeseelt, werden von äußeren Kräften angetrieben. Menschen sind Lebewesen, sind Subjekte –– Maschinen sind Sachen, sind Objekte. (7)

 

Metaphern sind mehr als bloße rhetorische Stilmittel. Als die Vehikel, mit denen wir bekannte Muster auf unbekannte Zusammenhänge übertragen, sind sie unerlässlich für alles Denken und für jede Wissenschaft. (8) Aber warum hängt die Ökonomik derart an Mathematik, an Funktionen, an Mechanik? Warum optimieren Ökonomen die Wirtschaft wie Ingenieure ihre Maschinen? Wie ist die Maschinenmetapher zum Grundstein der Wirtschaftswissenschaft geworden? Wie ist die Maschine in den Geist geraten?

 

Ich defniere eine Maschine als ein System von normierten, austauschbaren Teilen, das bedienbar und darauf ausgerichtet ist, einen programmierten Zweck zu erfüllen. (9) Wer eine Maschine bauen möchte, muss sich zumindest über drei zusammenhängende Fragen Gedanken machen:

 

–– Mechanik: WelcheMechanismenstehenmirzurVerfügung,

wie kann ich die Maschine bauen?

–– Programmierung: Welche Funktion soll die Maschine erfüllen?

–– Benutzerober̈fläche: Wie kann ich sie bedienbar machen,

um ihren Zweck zu erfüllen?

 

Ich möchte behaupten, dass Geld uns bei diesen drei Fragen und ihren Antworten beeinflusst und so die Maschine in unserem Geist inspiriert hat. Das Geld hat erstens das mechanische Denken begünstigt –– Mathematik, Naturwissenschaft, Abstraktion ––, das dem Menschen zu den Techniken verhalf, die wiederum die maschinelle Wirtschaft ermöglichen. Es hat uns zweitens ermuntert, den messbaren käuflichen Wohlstand als Ziel, Maß und Programm der Wirtschaft zu akzeptieren. Und es hat drittens die Philosophen motiviert, die Techniken der Ingenieure auf die Gesellschaft anzuwenden, um dieses Ziel zu erreichen, und so die Benutzeroberfläche der gegenwärtigen Wirtschaftstheorie geliefert.

 

Da ich aber behaupte, dass Geld die Grundlage bildet, müssen wir uns zuvor fragen: Was ist überhaupt Geld?

 

 

 

 

Anmerkungen

 

 

(1) Studierte Ökonomen und Wirtschaftsnerds kennen diesen Namen von der Philipps-Kurve, welche die Veränderungen der Inflation in Beziehung zur Arbeitslosigkeit setzt und nach ihrem Erfinder Alban Philipps benannt ist.

 

(2) Da man natürlich für Geld Güter und Arbeit kauft, läuft im theoretischen Modell gegenläufig, aber sonst identisch zum Geldkreislauf ein Waren- und Wertekreislauf: Güter fließen zu dem Konsumenten, deren Arbeit zu den Firmen und so weiter. Der Moniac beschränkt sich, wie viele andere Modelle, auf die Geldseite dieses Kreislaufes, in der Annahme, dass sich die Werteseite identisch verhält.

 

(3) AS-AD steht für »Aggregate Supply –– Aggregate Demand«, also gesamtwirtschaftliches Angebot und Nachfrage. Das Modell verbindet durch ein Gleichungssystem die gesamtwirtschaftliche Produktion mit dem allgemeinen Zinssatz und ist damit gewissermaßen eine mathematische Zusammenfassung von John Maynard Keynes’’ Hauptwerk, der General Theory. Ich komme in Kapitel »Die Benutzeroberfläche« darauf zurück.

 

(4) Ich spreche von den Dynamic Stochastic General Equilibrium Models (DSGE), die die Europäische Zentralbank, die OECD und alle anderen für ihre Vorhersagen benutzen. Siehe zum Beispiel Christoffel, Coenen, Warne (2010), »Forecasting with DSGE models«.

 

(5) Für eine gute Zusammenfassung der Wirtschaftstheorie des Moniac und als gutes Beispiel, wie explizit das Maschinenbild im Wirtschaftsdenken sein kann, siehe das Video von Jonathan Jarvis und Ray Dalio (2014), »How the Economic Machine Works«.

 

(6) Sogar OECD, IMF und Weltbank, die drei größten Institute zur Wirtschaftserforschung, geben zu, die Implosion der Finanzmärkte ab 2008 nicht vorhergesehen und das Wirtschaftswachstum überschätzt zu haben. Siehe zum Beispiel OECD (2014), »OECD forecasts during and after the Financial crisis: a post-mortem«.

 

(7) Der Moniac beziehungsweise die Idee des Wirtschaftskreislaufs weisen noch wei- tere theoretische Probleme auf: Sie nehmen erstens an, dass die Wirtschaft keine Ressourcen verbraucht und keinen Müll produziert, behandeln sie also wie ein Perpetuum mobile. Zweitens fließen in ihnen der Ertrag von Investitionen und der Ertrag von Lohnarbeit in den Topf der Haushalte, was das Modell (und seine Benutzer) blind macht für Verteilungsfragen. Und drittens setzen sie Geld mit Gütern gleich, was bedeutet, dass alle Güter für Geld käuflich sind, alle Güter in sich homogen sind und alles Geld in sich gleich ist –– folgenreiche Annahmen, die so ziemlich jedes mathematische Modell trifft und die uns noch ausführlicher begegnen werden.

 

(8) »Metapher« bedeutet wörtlich »Übertragung«. Wenn Sie mehr über Philosophie und kognitive Psychologie der Metaphern erfahren möchten, siehe Lakoff, Johnsson (1980), Metaphors we live by. Mehr über allgemeine Metaphorik der Ökonomik finden Sie bei Mirowski, Hg. (1994), Natural Images in Economic Thought. Markets Read in Tooth and Claw, insbesondere Klamer, Leonard (1994), »So, what’’s an economic metaphor?«.

 

(9) Diese Definition ist angelehnt an den Philosophen der Maschine, Mumford (1967), Myth of the Machine, S. 191 ff.